Installation 'Die andere Gegenwart'

‚Die andere Gegenwart’ hinterfragt die Bedeutung von Architektur als Ausstellungsobjekt. Die Arbeit im Rahmen der Ausstellung 'architecture, what else?', wird wie ein reales Bauprojekt angegangen. Die eigens für die Kulturtankstelle entworfene Rauminstallation gliedert sich thematisch in die Projektreihe ‚Zürich 7’ ein.

 

Die Kaleidoskop artige Anordnung zeigt die zentrale Bedeutung der Umgebung in Relation zu persönlichen Eindrücken während der Entwurfsphase. Spuren verweisen auf den Zusammenhang von Raum, Zeit und Bewegung. Die Karteikastenwand nimmt räumliche Eigenheiten auf und stoppt bzw. stärkt bestehende Blickbeziehungen der atmosphärischen Werkstatt. Auszüge aus dem irischen Tagebuch von Heinrich Böll weisen nicht nur auf narrative und poetische Elemente in der Architektur hin, sondern auch auf den persönlichen Erfahrungshintergrund. Drei Steine stammen von der Insel Cres. Diese rauhe Landschaft in Istrien hat die Ideenfindung für ‚Die andere Gegenwart’ massgeblich beeinflusst.

 

In der Ausstellung geben horizontale und vertikale Fenster den Blick frei auf ‚Die andere Gegenwart’. Sie sind entlang der Durchblick-Achse in der Kulturtankstelle angeordnet. Der Betrachter erlebt so beim Durchschreiten des Raumes seine eigene Raum-Zeitbeziehung. Mit den vor Ort gefundenen Objekten wird die Atmosphäre des Ortes direkt in der Arbeit aufgegriffen. Architektur ist neben Ort und Programm immer von persönlichen Erfahrungen und Eindrücken geprägt.

 

'architecture, what else?' Architektur einmal anders

Mit ihrer Winterausstellung widmet sich die Kulturtankstelle Döttingen zum ersten Mal der Architektur. Und dies tut sie gleich auffallend experimentell: Die Ausstellung ‹Architecture. What else?› lotet die Ränder des Fachs aus. Nicht nur greift die Auswahl der Werke über die Disziplinengrenzen hinweg, sondern diese zeigen auch einen un-gewohnten Blickwinkel auf die Architektur. Die Grenzüberschreitung ist Programm.

 

Seit jeher beschäftigt Architekten eine Frage: Was ist Architektur? Dies ist heute allerdings nicht mehr so einfach zu beantworten wie zu Vitruvs Zeiten, als sie schlicht das Fach, die Disziplin des Architekten war. Der Begriff Architektur hat heute nicht nur mehrere Bedeutungen, sondern auch das Berufsgebiet des Architekten lässt sich nicht mehr auf dasjenige eines in der Domäne der Baukunst ausgebildeten Fachmanns, der Bauwerke entwirft und gestaltet, Baupläne ausarbeitet und deren Ausführung einleitet und überwacht reduzieren. Die Bauindustrie erlebt einen Wandel hin zu Standardisierung und Optimierung. Folglich unterliegt die traditionelle Funktion des Architekten tiefgreifenden Veränderungen. Er wird für viele im besten Fall zum Image-Berater und im schlimmsten zum Computer-Techniker. Angesichts dieser Verschiebungen stellt sich die Frage nach Wesen und Gehalt der Profession.

 

Die Wirkung von Architektur 

«Alles ist Architektur» lautete 1967 Hans Holleins programmatischer Ausruf. «Architekten müssen aufhören, nur in Bauwerken zu denken. Erwähnt sei auch die Verlagerung des Gewichtes von Bedeutung zu Wirkung. Architektur hat einen ‹Effekt›.» Das hat heute, ein knappes halbes Jahrhundert später, noch eine bemerkenswerte Aktualität. Die von Mateja Vehovar und Stefan Jauslin kuratierte Ausstellung ‹Architecure. What else?› widmet sich den Fragen der Wirkung von Architektur und erforscht ein erweitertes Berufsverständnis. Verschiedene Architektur- und Kunstschaffende stecken das Territorium ab. Dabei stehen nicht Modelle oder Pläne eigener Bauten und Projekte im Vordergrund, sondern das ‹What else?› Was ist Architektur neben der schieren Produktion von Bauwerken?

Die Ausstellung fragt nach der Rolle des Architekten in einer komplexen Gesellschaftsstruktur, seinem Selbstverständnis, präsentiert zeitgenössische Architekturprogramme und visionäre urbane Konzepte. «Wir zeigen Denkansätze und Positionen. Wir beleuchten soziologische, ökonomische, ökologische und technologische Aspekte und wir überprüfen das Potential der architektonischen Setzung und ihrer Wirkung im Kontext », so Stefan Jauslin zur Absicht der Schau. Mateja Vehovar ergänzt: «Wir stellen uns der Frage, ob in einer saturierten Gesellschaft noch Bedarf nach Utopien und Ideologien besteht oder ob wir in einem Zeitalter des ‹Anything goes› in Lethargie verfallen. Die neuen Herausforderungen wie Klimawandel, Wirtschaftswachstum oder soziale Gerechtigkeit sind inhärent die Architektur betreffende Themen.»

Neben gesellschaftspolitischen Fragen beschäftigt sich ‹Architecture. What else?› auch mit konkreten Erscheinungsformen gebauter Umwelt: Ist die Physis des Raumes in der Gesellschaft des Spektakels noch wesentlich oder zählt nur noch das Bild? Wie relevant ist der Ort im Zeitalter von Vernetzung und ständige Erreichbarkeit? Welche Bedeutung hat die formale Erscheinung von Architektur? Die ausgestellten Arbeiten stellen Individualität versus Stereotyp, lokal versus global, Erfindung und Originalität versus Sampling und Remix.

 

Denken und experimentieren

Mit ‹Architecture. What else?› schafft die Kulturtankstelle eine Plattform des Denkens und des Diskurses. Sie bietet Raum für Experimente und Entwürfe aber auch für Erforschung, Analyse, Sichtung und Überprüfung. Dabei stellen die Kuratoren keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder gar auf Absolutheit. Vielmehr will die Ausstellung selber Experiment sein und lustvoll Formen des architektonischen Diskurses untersuchen.

‹Architecture. What else› ist vielgestaltig. Die Ausstellung zeigt unterschiedliche künstlerische und experimentelle Positionen. Mit Rauminstallationen, Bildern, Photographien, Videos und Objekten wirft sie einen kaleidoskopartigen Blick auf den zeitgenössischen Architekturdiskurs – analytisch, spielerisch, nostalgisch oder utopisch. Die Beteilgten beschäftigen sich mit Stadtraum und Agglomeration. Sie fragen nach Relevanz und Repräsentanz. Happenings und Live Events im weiteren Umfeld der Kulturtankstelle ergänzen die Ausstellung: Ein Spaziergang mit Urbanisten hat beispielsweise zum Ziel, verschiedene Aspekte von öffentlichen Räumen zu sammeln, ihre Potenziale zu diskutieren und einige weniger bekannte Ecken Döttingens zu geniessen. Eine neue Form der theoretischen Diskussion stellt auch die ‹Architecture Theory Slam› dar. Acht Autoren und Autorinnen stellen sich mit Kurztexten wie bei einer Poetry Slam dem Wettkampf. Dem Sieger winkt eine Flasche Whiskey.

Um eine fruchtbare Architekturkultur zu bewahren, muss Architektur eine dynamische Kunstform sein. Ihr Zentrum bewegt sich idealerweise fortwährend, angetrieben von denjenigen, die die Ränder verändern. Dazu bedarf es Gestaltung und Forschung, die bereit ist, gegebene Grenzen zu überschreiten, bekannte Schranken zu überwinden und mit Konventionen zu brechen. In der Kulturtankstelle Döttingen ist nicht nur zu sehen, wie dies gehen kann, sondern auch, wie lebendig das Schweizer Architekturschaffen abseits der grossen Produktion ist.

Stefan Jauslin 2014

 

Objekt

Gruppenausstellung 'architecture, what else?'

Rauminstallation 'Die andere Gegenwart'

 

Ort

Kulturtankstelle Döttingen, CH

30. Oktober - 7. Dezember 2014

 

Projektverantwortlich

Miriam Weyell, Florian Berner

 

Kuratoren

Mateja Vehovar & Stefan Jauslin

 

Teilnehmer

Camponovo Baumgartner Architekten; Rolf Derrer; Frei+Saarinen Architekten; Michael Hirschbichler; Sergej Klammer; Eloisa Avila, Hans Leidescher und Mikel Martinez; Trond Maag und Tamara Kocan; Antonio Scarponi; Miriam Steinhauser; Stich und Oswald; Weyell Berner Architekten

 

Fotographie

Niklaus Spoerri, Zürich; Weyell Berner Architekten

 

Grafik

Paolo Monaco, designport